Finally – sad November goodbye

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Kinderkreuzzug

Dass Künstler zur künstlerischen Entfaltung und Ausdruckmöglichkeit sich Ihrer eigenen Biografie bedienen, ist nichts Neues. Martin Honert findet dabei eine besondere plastische Verfahrensweise. Er zeigt in über mehreren Jahren gewachsenen Arbeiten Ausschnitte aus seinem persönlichen Erinnerungsschatz von Kindheit und Jugend in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre. Dabei spielen biografische Szenen wie auch Verdichtungen von Räumen und Landschaften eine tragende Rolle.

Durch die teils lebensechten aber nicht immer proportional exakten Nachbildungen von Gegenständen oder Personen aus einer Kunststoffmischung werden die persönlichen Fragmente für den Besucher haptisch greifbar.

Haus, 1988, Martin Honert

Die Kindheit im Ruhrgebiet wird durch Verdichtungen von Raum und Architektur exemplarisch verarbeitet: Das graue, einfache Mehrfamilienhaus wie es zu tausenden im Ruhrgebiet steht, das Bahnhäuschen an der Wegestrecke. Selbst der Bürgersteig, auf dem unzählige Nachmittage mit Spielen verbracht wurde, ist im Detail nachempfunden.

Foto, 1993, Martin Honert

Die eigenen Kindheitserlebnisse kulmunieren in der szenischen ausschnitthaften Nachstellung eines Familienbildes aus dem Jahr 1958. Die Figur des fünfjährigen Martin Honert sitzt an einem Küchentisch und schaut auf eine in der Nachbildung nicht vorhandenen Kamera. Die eigene Kinderzeichnung Honerts eines Nikolaus wird zu einer dreidimensionalen Abbildung.

Nikolaus, 2002, Martin Honert

Die Schul- und Internatszeit findet gleich in mehreren Exponaten eine Wiederspiegelung: Da steht der Esstisch mit Resopal-Auflage des ostwestfälischen Internats mit einem grünen Wackelpudding. Aus der Unterrichtszeit werden Szenen aus Kästners Fliegendem Klassenzimmer oder aus den Kinderkreuzzügen aus dem Geschichtsunterricht dargestellt.

Tisch mit Wackelpudding, Roter Polsterstuhl, 1983, Martin Honert

Mit diesen lebensgroßen plastischen Darstellungen eröffnet Honert den Besuchern einen dreidimensionalen Zugang zu und gleichzeitig einen Rundgang durch sein persönliches Gedächtnis. Wir dürfen an der persönlichen Erfahrungswelt des Künstlers teilhaben und können durchaus auch Parallelen zu der eigenen Biografie entdecken; eine Zeitreise in die Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre.

Als Orientierungshilfe dient ein kleines Heft mit von Honert selbst geschriebenen Texten zu den einzelnen Objekten. Großzügig im Raum verteilt haben die Exponate genug Raum sich in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs Ihren eigenen Platz zu sichern.

Berlin, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Martin Honert, Kinderkreuzzug, 7. Oktober 2012 – 7. April 2013